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Borkumer Pflanzen (BZ, 05.02.2016)

Sonderausstellung im Heimatmuseum

von Jan Schneeberg

Der „Hilfsbeamte“ des Königlichen Landrats des Landkreises Emden, Bannier,
gibt in einer Anzeige der Borkumer Badezeitung am 3. Juni 1914 bekannt:
„Ich nehme Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß es nach der Polizei-Verordnung des Herrn Regierungspräsidenten vom 10. Februar 1909 verboten ist, unbefugter Weise die auf den Inseln der Nordsee wachsenden Dünenpflanzen Pirola (Pirola rutundi folia) und Stranddisteln (Eryngium maritium) auszureißen, ganz oder teilweise abzuschneiden oder abzupflücken.
Die Verordnung bezweckt die Erhaltung der in steter Abnahme begriffenen seltenen Pflanzen. Die Stranddistel ist auf hiesiger Insel leider bereits nahzu ganz ausgestorben.“

Engagierte Mitglieder des Heimatvereins der Insel Borkum haben in mühevoller Kleinarbeit Material – historische Bilder, Originaldokumente und umfangreiche Berichte – über die Flora des Eilandes zusammengetragen und präsentieren sie in einer sehenswerten Ausstellung „in de Bönkamer“ des Inselmuseums. „Dat Dykhus“ ist samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Die Pflanzenwelt der Insel Borkum (BZ, 29.12.2015)

Ausstellung „in de Bönkamer van’t Heimatmuseum“ geht in die Endphase

von Jan Schneeberg

Wer jemals in südlichen Meeren eine vom saftigen Grün bedeckte Insel aus den Fluten hat auftauchen sehen, sollte beim Anblick unserer flachen einförmigen Nordseeinseln meinen, eine öde, vegetationslose Scholle Landes vor sich zu sehen. (…) Auch mit unserem Borkum ist dies der Fall. Hat man aber erst die Dünen betreten, so schwindet diese Täuschung. (…) Während die kleineren Insel unserer Nordseeküste, mehr oder weniger einem großen Sandhügel gleichen (…) finden sich auf Borkum die verschiedensten Bodenarten vertreten und infolge dessen auch eine ungeahnte Menge der verschiedensten Pflanzen.“ schreibt der Lehrer C. F. Scherz in seinem Buch „Die Nordseeinsel Borkum“, in mehrfach verbesserter Auflage erschienen 1883 im Verlag Haynel, Emden und Borkum.

Durch Schenkungen und Ankäufe sind fast alle Bücher, die sich mit der Geschichte unserer Heimatinsel beschäftigen, im umfangreichen Archiv des Heimatvereins erhalten, das sich im sogenannten „Toornhuus in de Karkstrate“ befindet. Auf dem großräumigen Dachboden lagerte seit vielen Jahren ein, fast schon historisches Herbarium, ein Pflanzenbuch, das durch die engagierte Diplom-Biologin Claudia Thorenmeier als wichtiges, wenn auch ein wenig vergilbtes Dokument eingeordnet wurde. Auch der Name Dreier konnte entziffert werden.

Johannes C. H. Dreier wurde am 10. Juni 1833 geboren. Sein Vater war Prediger an der einsam auf dem Weserdeiche stehenden „Moorlosen Kirche“ bei Mittelsbüren. Es führten zwar Feldwege bis nahe an die Grenze der eigenen Gemarkung, aber trotzdem war kein regelrechter Pfad zwischen hüben und drüben vorhanden. Nur zeitweise wurde der trennende Graben durch einen von Bauern gebauten Steg überbrückt, sonst musste der Springstock (in Ostfriesland: Pullstock oder Padstock) hinüberhelfen.

Unterrichtet wurde der junge Dreier durch Hauslehrer, darunter August Kramer, der seine Leidenschaft für die heimische Pflanzenwelt weckte. Ab 1850 besuchte er die Gelehrtenschule (Gymnasium) in Bremen und auch hier fand er Gleichgesinnte, die sich für die Botanik interessierten , ebenfalls bei seinem Medizinstudium in Heidelberg und Würzburg. Nach dem Doktorexamen im Januar 1857 kehrte Dreier nach Studien in Prag nach Bremen zurück, um eine Stelle als Assistenzarzt am dortigen Krankenhaus anzunehmen. Unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt in Tübingen, wo er sich in der Chirurgie weiter ausbildete, ließ er sich Anfang 1860 als Arzt in Bremen nieder. Hier fand er Kontakt zu Buchenau, der sein Interesse für die heimatliche Flora neu belebte. Es bildete sich ein kleiner Kreis mit wissbegierigen Botanikern, die im Sommer oft sonntägliche Ausflüge machten.

1864 nahm Dreier als freiwilliger Arzt am schleswig-holsteinischen Feldzug teil. Er arbeitete dann am Kinderkrankenhaus, war Polizeiarzt und später Kreisarzt. In ruhigeren Zeiten kehre er regelmäßig zu seinen botanischen Studien zurück. Er beschäftigte sich oft mit dem ordnen und der Instandhaltung seines Herbariums. Ferienreisen führten ihn in den Harz und in die Alpen. Bei längeren Aufenthalten lernte er die Vegetation der Insel Borkum in allen Einzelheiten kennen. „Er hat dort manche bemerkenswerte Funde gemacht“, schrieb W. O. Focke später in einem Nachruf.

Im Sommer 1906 feierte er gemeinsam mit den beiden Jugendfreunden das Fest des 50jährigen Doktorjubiläums, rüstig und in voller Frische, umgeben von seinen Kindern und Enkeln sowie dem großen Freundeskreis. Einige Monate später stellten sich Atembeschwerden und Zeichen einer Herzerkrankung ein. Dr. Johannes Dreier starb am 11. September 1908.

Schriftstellerisch ist er kaum hervorgetreten; in den Heften des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen findet sich ein kleiner Beitrag „Zur Flora von Borkum“. Hier beschreibt er seine Beobachtungen während des vierwöchigen Aufenthaltes im Juli und August 1888. Die Spurensuche führte zu den im Archiv des Heimatvereins aufbewahrten Borkumer Zeitungen, hier zu der „Badezeitung und Fremdenliste“ vom 23. Juli 1888: In der Liste der „angekommenen Badegäste und Fremden“ mit Datum vom 20. Juli 1888 ist zu lesen , dass Dr. med. Johannes Dreier aus Bremen mit seiner Familie bei der Witwe Scherz jr. wohnte. Es ist zu vermuten, dass Dreier der „Gesellschaft der Naturfreunde auf Borkum“ angehörte, die bei ihrer Gründung am 1. August 1878 festlegten „die Kenntnis der Natur, namentlich der Flora und Fauna auf der Insel Borkum (…) zu erweitern und für Beobachtungen auf allen diesen Gebieten geeignetes Material und Einrichtungen zu beschaffen“. Zur Verwirklichung dieser Zielsetzung wurde hauptsächlich die Errichtung einer Naturaliensammlung angestrebt, wo die Tier- und Pflanzenwelt der Insel in guten Exemplaren „gehörig präpariert, wissenschaftlich geordnet, verzeichnet und beschrieben aufbewahrt und dem Publicum zugänglich gemacht werde.“ Vielleicht hat Dr. Johannes Dreier sein Herbarium der Gesellschaft der Naturfreunde, die bis ungefähr 1900 regelmäßig in den Sommermonaten ihre Versammlungen mit der Anwesenheit namhafter Persönlichkeiten abhielten, verkauft oder geschenkt. Einzelne schriftliche Fragmente dieser Vereinigung sind noch im Archiv erhalten und die große Vogelsammlung ging 1921 in den Besitz des neugegründeten Heimatvereins über.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann man mit der floristischen Erforschung der Nordseeinseln und wenige Jahrzehnte später gab es umfangreiche Daten und Artenlisten. Einer der bekanntesten Botaniker war Professor Dr. Franz Buchenau aus Bremen, geboren 1831 in Kassel, verstorben 1906 in Bremen. Er war der Sohn eines Bankangestellten, besuchte eine Realschule und seit 1845 die Polytechnische Schule in Kassel. Ab 1848 studierte er an der Philipps-Universität Marburg und ab 1850 an der Georg-August-Universität in Göttingen. Mit einer botanischen Dissertation erwarb er die Doktorwürde. Er wurde danach kurzfristig Lehrer an einer Privatschule in Hanau und nach der Schließung Hauslehrer und später Lehrer in Friedrichsdorf im heutigen Hochtaunuskreis.

Ich selbst habe zu sehr verschiedenen Jahreszeiten 15 Reisen nach den Inseln gemacht und im Sommer 1880 noch die vier Inseln Borkum, Juist, Norderney und Langeoog besucht, um mein Manuskript zu prüfen und eventuell zu ergänzen. (…) Die meisten Angaben sind bereits durch Belege in dem Centralherbarium der ostfriesischen Inseln vertreten, welches der Naturwissenschaftliche Verein zu Bremen in den hiesigen städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie gegründet hat.“ schreibt Buchenau in seinem Buch „Flora der ostfriesischen Inseln“, erschienen 1891 im Verlag H. Braams, Norden und Norderney. Einzelne wichtige Beobachtungen für Borkum verdanke er dem Grenzaufseher Ahrens sowie den Lehrern Briese und Scherz. Knallhart fügt er hinzu: „ Von den älteren z.t. sehr unzuverlässigen Angaben, namentlich von Bley und Hermann Meyer (Anmerkung: Klassenlehrer in Emden. Er schrieb ein „Handbuch für Reisende und Badegäste“ mit dem Titel „Die Nordseeinsel Borkum“, erschienen 1863) habe ich meist weggelassen; es ist Zeit, unsere Schriften endlich einmal von diesem Ballast zu reinigen.“ Er hoffe aber, dass seine Arbeit dazu beiträgt, das Interesse für diesen kleinen, aber so eigentümlichen Stück deutschen Landes zu erhöhen.

Historische Puppenstuben im Museum (BZ, 24.12.2015)

Tüsken de Jahren hett dat Dykhus de Dören wiet open

von Jan Schneeberg

Puppenstuben im HeimatmuseumVom Wahrzeichen der Insel Borkum, dem 1576 erbauten Alten Turm, sind es nur wenige Schritte in östlicher Richtung zum sogenannten „Dykhus“, dem vom Heimatverein unterhaltenen Museum, wo unzählige Exponate die wechselvolle Geschichte des Eilandes erzählen. Es geht vorbei an dem sehenswerten Walknochenzaun auf dem Dykmann’schen Grundstück, dann einmal links und sofort wieder rechts in eine kleine Nebengasse, die den Namen eines erfolgreichen Walfängers trägt – Roelof Gerritz Meyer – und schon sieht der Besucher die hell erleuchtete Veranda mit entzückenden Möbeln und anderen lebensnotwendigen Gegenständen aus dem Reich der „Zwerge“.

Fleißige ehrenamtliche Mitarbeiter des Heimatvereins haben zum Weihnachtsfest historische Puppenstuben aus eigenem Besitz oder als Leihgaben von Borkumer Familien zusammengetragen und im Innenraum ausgestellt. Die weit über hundert Jahre alten Objekte wurden gereinigt und überholt und sind als weihnachtliche Besonderheit eine attraktiver Blickfang für die unzähligen Besucher, die zum Jahreswechsel die Insel und das Museum besuchen.

Puppenstuben im HeimatmuseumDie zahlreichen Gäste sollten nicht versäumen von der Walhalle aus „de Bönkamer“ im Obergeschoss zu besuchen, wo seit kurzem eine Sonderausstellung mit besonderen Borkumer Pflanzen gezeigt wird. In Schauvitrinen werden getrocknete „Planten“ gezeigt, die aus zum Teil aus historischen Herbarien stammen, die sämtlich im Besitz des Heimatvereins sind.

Ob es nun die Glockenheide ist oder das Sumpf-Herzblatt mit den zarten herzförmigen Blättern aus dem Gebiet des feuchten Dünentales sowie der bekannte Queller von den Salzwiesen, der heute als Salat immer beliebter wird und dessen Asche früher zur Seifenherstellung diente. Im Bereich der Dünen ist der Meersenf zu finden sowie die Stranddistel und die Sandnachtkerze.

Puppenstuben im HeimatmuseumBei den Giftpflanzen ist das Mutterkorn zu nennen oder das hochgiftige Jakobs-Greiskraut. Die von kompetenten Fachleuten beschriebenen Erklärungen führen in die Vergangenheit und regen an, sich mit der entsprechenden Fachliteratur zu beschäftigen. Es gab bei den Vorfahrten aber auch bekannte Heilpflanzen wie Tüpfelfarn, der als Tee verabreicht bei Husten, Gicht und Lebererkrankungen sowie gegen Darmwürmer half. Man sammelte aber auch echte Kamille und Wasserminze gegen Magenbeschwerden. Das bekannte Scharbockskraut – die Blätter halfen gegen Skorbut – war für die Seefahrer oft lebensrettend. Pflanzen und Tiere im Meer sind zu sehen, aber auch Raritäten wie Fettkraut, Sonnentau und der Sumpf-Bärlapp.

Vom 21. Dezember 2015 bis zum 10. Januar 2016 ist das Borkumer Inselmuseum des Heimatvereins täglich (außer am 24. und 31. Dezember) täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Tönjes Bley – Vogt auf Borkum und ein versierter Botaniker (Borkumer Zeitung, 27.11.2015)

Heimatverein bereitet Ausstellung über besondere Pflanzen vor

von Jan Schneeberg

Als Tönjes Bley im Alter von 51 Jahren auf der Insel Borkum starb, notierte der Pastor der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Wessel Brons Knotterus in das Sterberegister: „ Tönjes Bley, Examtsvogt, Ehegatte der Occeline Posthma, starb am 10. Mai 1835 des Mittags um 12 Uhr an einer Lungenlähmung als Folge von Asthma und wurde seinem Wunsche gemäß mit seinem eigenen Pferd und Wagen, von einigen Personen gefolgt, nach den Nordwestdünen gefahren und daselbst in der Nähe der große Kape begraben.“

Wer war dieser Mann, der selbst im Tode keine Gemeinschaft mit seinen Widersachern, den Insulanern, haben wollte und bestimmte, dass er bei den Heimatlosen auf dem sogenannten „Drinkeldodenkarkhoff“ beigesetzt wurde? Ein starker Walknochen mit einer Inschrift soll auf seiner Ruhestätte gewesen sein und später habe hier sogar ein eisernes Kreuz gestanden berichteten ältere Borkumer. Im Archiv des hiesigen Heimatvereins werden auch die Jahrbücher der „Emder Gesellschaft für Kunst und vaterländische Altertümer“ aufbewahrt und hier findet sich ein Artikel von Jan van Dyken, der umfangreich Auskunft gibt über Werk und Leben des Borkumer Vogtes.

Der 1784 in Berlin geborene Tönjes Bley gehörte einer ostfriesischen Familie an, die in ihrer Heimat hohes Ansehen genoss und als Rentmeister, Amtmann oder Jurist in den Beamtenlisten festgehalten sind. Er selbst wurde Zollbeamter mit der Amtsbezeichnung „Zollvertificator“ und kam nach Emden. Weil er schon damals schwer unter Atembeschwerden litt, ließ er sich mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand nach Borkum versetzen und bekleidete hier den Posten eines Amtsvogtes, eine von der Obrigkeit eingesetzte Person, welche die Steuergesetze und andere Erlasse zu kontrollieren hatte und damit nicht gerade bei den Inselbewohnern beliebt war.

Um 1703 kamen sogenannte „Dünenmeyer“ aus den Niederlanden auf die ostfriesischen Inseln, die es verstanden, Sandfänge aus Rohr und Sträuchern zu errichten. In amtlichen Schreiben heißt es, dass man sich aber überzeugen müsse, dass sie wenig nützten, jedes Jahr erneuert werden müssen und „Ansehnliches“ kosten. Der „Deichcommisair“ Bley habe aber großen Erfolg erzielt, teils durch Helmpflanzen und Säen, teils durch Anpflanzungen von Buschwerk, wie Bitterweide und Seestrandsdorn, die durch Ableger, Stecklinge und Wurzelbrut von der Insel Borkum nach anderen Inseln verpflanzt wurden. Diese Methode überzeugte auch die Stände und zuständigen Kammern, die 1794 eine größere Summe für die außerordentlichen Verbesserung bewilligten.

Zwei Jahre vor seinem Tod verfasste Tönjes Bley „ein Handbuch zur Kenntnis der im Fürstentum Ostfrieslands wildwachsenden und im freien Felde kultivierten phanerogamischen Gewächse“. 1859, vierzehn Jahre nach dem Tod des Verfassers, beurteilte H. C. van Hall, Professor der Landwirtschaft in Groningen, die Arbeit sehr wohlwollend:“ Soo ver ik de zaag kan nagaan, schynt my dese Flora zorgvuldig uitgewerkt …“. Aber ein Unstern waltete über Tönjes Bleys Werk und Leben. In der Literatur finde man so gut wie nichts über ihn, schreibt Jan van Dyken.

Bekannte Botaniker, wie Carl Noeldeke und Franz Buchenau verschwiegen seine Ausarbeitungen oder nannten sein Manuskript unzuverlässig. Wahrscheinlich wäre Tönjes Bley heute ganz vergessen, wenn Jahrzehnte später versierte Wissenschaftler sich nicht intensiv mit seiner Person und seinem Werk beschäftigt hätten. Zuerst der Heimatforscher Friedrich Sundermann und besonders im Jahre 1919 Otto Leege, der das Manuskript abschrieb und urteilte:
„ Ich halte die Arbeit Bleys für eine wirkliche Tat, und auf seinen zahllosen Wanderungen hat er reiches Material zusammengetragen, dessen Ergebnisse sich zum größten Teil mit denen späterer Forscher decken.“

Tönjes Bley hinterließ außer der Ausarbeitung über die Flora Ostfrieslands auch ein Herbarium, eine Sammlung getrockneter Pflanzen. Beide Werke befanden sich nach seinem Tode bis zum Jahr 1884 im Besitz seiner Tochter und wurden dann dem Gymnasium in Emden übergeben. Durch die Kriegseinwirkungen sind sie im 2. Weltkrieg verloren gegangen.

Auf dem Dachboden des sogenannten „Toornhuus“ lagert seit vielen Jahren ein Herbarium, angelegt zwischen 1877 bis 1891, das nach Auskunft des „Naturwissenschaftlichen Vereins“ in Bremen dem Arzt Jochen Dreier zugeordnet werden kann, der zusammen mit dem bekannten Botaniker Franz Buchenau die Kenntnisse über die Borkumer Pflanzenwelt in verschiedenen Fachzeitschriften publizierte. Hinzu kamen in den letzten Jahren weitere Herbarien von verschiedenen bekannten Personen. So entschloss sich eine kleine Arbeitsgruppe im Heimatverein zur Planung und Durchführung einer Ausstellung „over Börkumer Planten“ die zum Jahresende „in de Bönkamer“ des Museums „Dykhus“ gezeigt werden soll.

Aus dem Archiv des Heimatvereins (Borkumer Zeitung, 26. / 27.10.2015)

Ein Brief mit der „untertänigsten Bitte der Gemeindeglieder zu Borkum um Beibehaltung der holländischen Predigten“

von Jan Schneeberg

Hinter der wuchtigen Eingangstür des Alten Turmes auf der Nordseeinsel Borkum, instand gesetzt und umsorgt vom Heimatverein, ist im Erdgeschoss eine kleine, aber feine Ausstellung zu sehen, die sich intensiv mit den Ergebnissen der Grabungen vor einigen Jahren durch den Archäologen Michael Krecher auf dem historischen Friedhof der evangelisch-reformierten Gemeinde beschäftigt. Der oberere Teil des ehemaligen Seezeichens ist wegen dringender Sanierungs- und Sicherheitsarbeiten zur Zeit für den Besucher nicht zugänglich, aber etwas weiter östlich ist das sehenswerte und geschichtsträchtige Museum „Dykhus“ zu finden.

Gegenüber in nördlicher Richtung erblickt der interessierte Gast – neben dem in der Straße eingelassenen Wappen der Insel und einem ehemaligen Ausflugsboot, auch „Lustkutter“ genannt – ein kleines zweigeteiltes Haus, wo sich im 19. Jahrhundert die Dienstwohnungen der „Leuchtfeuerwärter“ befanden. 1984 konnte der hiesige Heimatverein das Anwesen erwerben, um hier sein umfangreiches Bild- und Dokumentenarchiv unterzubringen. Auf der anderen Seite des Hauses zelebriert der engagierte „Türmer“ Gottfried Sauer nach Voranmeldung die spannende und höchst unterhaltende Zeremonie des Teetrinkens in Ostfriesland.

Vor dem Verkauf des Grundstückes durch die Kirchengemeinde Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich hier das Pastorat. Westlich des Alten Turmes war die kleine Inselkirche, die um 1904 leider abgerissen wurde. Das Pfarrhaus wurde 1703 mit 2.000 vom Fürstenhaus bereitgestellten Steinen erneuert. Im Vorderhaus waren drei Kammern und im Hinterhaus zwei Viehställe und eine Milchkammer.

In der Chronik der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Borkum schildert der Verfasser Woldemar Beeneken anschaulich die wechselvolle Geschichte der insularen Gemeinde. So schreibt er, dass 1701 der gebürtige Hesse Johannes Schmidt als Geistlicher zur Insel kam. Bei seiner Amtseinführung am 2. November 1701 verließen die männlichen Kirchgänger demonstrativ das Gotteshaus. Ihre Begründung: …daß derselbe, die hochdeutsche Sprache redend, ganz und gar nicht dienen noch nutzen kann, indem wir jederzeit zur niederländischen Sprache gewohnet, also daß niemand, weder jung noch alt, ihn verstehen und begreifen kann.“ Kurz vor Weihnachten verließ Johannes Schmidt die Insel wieder.

„Das Niederländische war die offizielle Kirchensprache der Reformierten“, sagt Klaas-Dieter Voß von der Johannes-a-Lasco-Bibliothek in Emden. „Und weil die Schulen unter Aufsicht der Kirchen standen, wurde auch dort das Niederländische eingeführt.“ Von 1650 bis 1850 nahm die niederländische Sprache eine wichtige Rolle im Südwesten Ostfrieslands ein.

„Im Jahre 1595 setzten die Emder Bürger den von dem Grafen Edzard II installierten Rat ab und nahmen die gräfliche Burg ein. Edzard II wurde gezwungen, seine Residenz nach Aurich zu verlegen, und durch den Vertrag von Delfzijl vom 15. Juli 1595 musste er sich verpflichten, auf den Großteil seiner Rechte in Emden zu verzichten. Die vereinigten Niederlande unterstützten dieses Unternehmen, indem sie eine Schutztruppe nach Emden schickten, die erst 1744 wieder abzog. Emden erwarb als Satellit der Niederlande fast die Rechtsstellung einer freien Reichsstadt und schloss sich mit dem reformierten Südwesten immer enger an die kalvinistische Kirche der Niederlande an, so dass im Laufe des 17. Jahrhunderts Niederländisch zur Standardsprache des gehobenen Bürgertums wurde. Im Gegensatz zum reformierten Emden bildete Aurich den Mittelpunkt des lutherischen Ostens, dessen Schul- und Kirchensprache Hochdeutsch war.“erklärt Dr. Marron C. Fort, langjähriger Akademischer Oberrat und Leiter der Arbeitsstelle Niederdeutsch und Ostfriesisch in der Universitätsbibliothek Oldenburg. Er wuchs in New Hampshire (USA) auf und studierte Germanistik, Anglistik, Niederlandistik und Skandinavistik sowie Mathematik in Princeton, Philadelphia und Gent. Nach einem Studienaufenthalt in Deutschland promovierte er mit einer Arbeit über die niederdeutsche Mundart Vechtas. Von 1969 bis 1985 war Fort Professor für Germanistik an der Staatsuniversität von New Hampshire (USA). Zwei Gastprofessuren führten ihn 1976/77 und 1982/83 an die Universität Oldenburg, wo er seit 1986 endgültig blieb und sich insbesondere dem Saterfriesischen und den niederdeutschen Dialekten zwischen Lauwersmeer und Weser widmete. Er lebt heute als Pensionär im ostfriesischen Leer.
„ Zwischen 1650 und 1850 war Ostfriesland ein Dreisprachenland. Im reformierten Westen lehrte und predigte man auf niederländisch, im lutherischen Osten war die Sprache der Schule und der Kanzel Hochdeutsch. In beiden Landesteilen aber war die ‚lingua franca‘ (die Verkehrssprache eines eines größeren mehrsprachigen Raums) Niederdeutsch“, erklärt Dr. Fort in seiner Dokumentation „Die Tradition des Niederländischen in Ostfriesland“ und führt weiter aus:
„Infolge der Freiheitskämpfe in den Niederlanden strömten zwischen 1570 und 1600 mehr als 6.000 reformierte niederländische Flüchtlinge nach Emden. Obwohl am Anfang des 17. Jahrhunderts Niederdeutsch noch Schul- und Kirchensprache war und kalvinistische Theologen wie Menso Alting und Daniel Bernhard Elshemius in niederdeutscher Sprache ihre Predigten hielten, wurde das Niederländische neben Nieder- und Hochdeutsch zur dritten Handelssprache. Auch in den Kirchen und Schulen wurde auf niederländisch gepredigt und unterrichtet.
Seit dem frühen 16. Jahrhundert gibt es in Ostfriesland öffentliche Schulen, und bereits 1545 führte Gräfin Anna die Schulpflicht ein. Allerdings wurden Reformierte und Lutheraner getrennt unterrichtet. Diese Glaubensspaltung wurde 1595 durch den Vertrag von Greetsiel festgeschrieben, nach dem in Emden ohnehin nur noch die reformierte Religion gelehrt werden durfte.
Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war die Sprache der reformierten und lutherischen Schulen jedoch Niederdeutsch. Die Emder Schulordnungen aus den Jahren 1577 und 1596 sind niederdeutsch verfasst, ebenso die als Schulbuch in ganz Ostfriesland verwendete Arithmetica des Rechenmeisters Hermann Fresenborch“

„Zwischen ca. 1150 und 1200 entwickelte sich aus dem Altsächsischen das Mittelniederdeutsche; überlieferte Textzeugnisse ermöglichen für diese Sprachstufe die Festlegung auf den Zeitraum zwischen ca. 1200 und 1650. Die Blütezeit des Mittelniederdeutschen lässt sich innerhalb dieser Zeitspanne von ca. 1350 bis 1550 eingrenzen. Diese Zeit war wesentlich bestimmt von der wirtschaftlichen und dadurch auch politischen Macht der Hanse. Mittelniederdeutsch war die Sprache der Hansekaufleute, die sich auf Mittelniederdeutsch mündlich wie schriftlich in den Bereichen Handel, Recht und Diplomatie verständigten“ erklärt die Ostfriesische Landschaft in Aurich und sagt weiter:
„Das Hochdeutsche verdrängte ab ca. 1650 das Mittelniederdeutsche als „Hochsprache“ (= „Standardsprache“), indem es zunächst als Schrift-, dann als Umgangssprache immer mehr genutzt wurde und sich somit verbreitete. Der Norden Deutschlands wurde so zweisprachig. Dennoch entwickelte sich auch das Niederdeutsche – in regional verschiedenen Ausprägungen – weiter, sodass sich für den ostfriesischen Sprachraum das heute gesprochene ostfriesische Plattdeutsch entwickelte“.
Nach dem Übergang Frieslands an das Königreich Hannover im Jahre 1815 bemühte sich die Regierung hartnäckig und mit wachsendem Erfolg darum, das Niederländische als Schul- und Kirchensprache durch das Hochdeutsche zu ersetzen. Das Hochdeutsche wurde aber im Laufe der Zeit immer wichtiger. 1754 beschloss der Emder Kirchenrat, es zumindest als Fremdsprache einzuführen. Mitte des 19. Jahrhunderts mussten die Emder Schulen das Niederländische als Unterrichtssprache dann ganz aufgeben – auf Befehl der hannoverschen Regierung. Auch in der Kirche verlor die Nachbarsprache an Bedeutung. Die Emder retteten die alte Tradition noch bis ins 20. Jahrhundert. Als Ostfriesland 1744 an Preußen fiel, verbot die preußische Regierung 1748 den Ostfriesen das Studium an ausländischen Universitäten und wies Studierwillige der damaligen Universität Lingen zu. Die neuen Herrscher dachten vor allem daran, die Beziehungen des reformierten Südwestens zu der Universität Groningen zu beeinträchtigen.
Im Staatsarchiv zu Aurich fand die Archivverwaltung des Borkumer Heimatvereins mehrere Dokumente, die sich mit den Predigten in der Borkumer Kirche beschäftigten. Die Eingaben aus den Jahren 1861 und 1865 wurden von dem Insulaner und Mitglied des Heimatvereins Karl-Georg Eilers in das heutige Schriftdeutsch übertragen.
Vor seiner Amtseinführung am 4. Juli 1861 bittet Pastor Pannenborg das Königliche Consistorium zu Aurich (oberste Verwaltungsbehörde) um Erlaubnis ebenso viele Predigten in holländisch und hochdeutscher Sprache halten zu dürfen. Er unterstützt damit eine „untertänigste Bitte der Borkumer Gemeindeglieder“, unterzeichnet von dem Kirchenvorsteher Jan Wybrands und den Kirchenmitgliedern Jan Kieviet, Evert J. Wybrands, B.J. Teerling, H.F. Dykmann und Gerhards. Sie führen aus, dass sich unter den Einwohnern nur eine geringe Anzahl findet, die deutsche Predigten verstehen. Zwar würde der Schulunterricht in deutscher Sprache abgehalten und „die Jugend in das Verständnis hineingeführt“, aber in früheren Jahren sei dies nicht geschehen. Die Bevölkerung habe immer sehr engen Kontakt mit dem Königreich der Niederlande gehabt, die seefahrende Mannschaft führe ausschließlich auf holländischen Schiffen und Dienstboten, die anderweitig ein Auskommen suchten, finden dies in Holland. „Man wundert sich daher nicht, dass schon Badegäste, die unsere Insel besuchen, manchmal nicht imstande sind, ihre Wünsche verständlich zu machen. Damit es nun auch denen, die auf unserer Insel unerfahren und unbekannt mit dem Deutschen sind, hinfort möglich bleibt, sich der Verkündigung des theuren Evangeliums zu erbauen, zu erlauben, dass auch hinfort holländische Predigten abgehalten werden dürfen.“
Das Konsistorium antwortet umgehend, dass man festgestellt habe, dass die meisten Einwohner auf Borkum die Predigten in deutscher Sprache sehr wohl verstehen könnten, „einigen derselben die Fähigkeit aber abzugehen scheint“. In Anbetracht der besonderen Situation wird gestattet für die Dauer eines Jahres alle vier Wochen eine Predigt in holländischer Sprache zu halten. Der Nachfolger von Pastor Pannenborg, Otto G. Houtrouw (1863 – 1866) schreibt allerdings vier Jahre später, am 18. April 1865, dass er sich bei allen religiösen Handlungen in der reformierten Kirche der deutschen Sprache bediene und das würde von den Insulanern „willig und freudig ertragen“. Aber es sei ein langwieriger Prozess, „denn mit Ausnahme der jetzigen Jugend haben alle Einwohner ihre Bibel, ihr Gesangbuch und ihren Katechismus nur in holländischer Sprache gelernt und so erklingt ihnen das Deutsche als eine fremde Sprache“. Als Seelsorge für Arme und Alte und Unkundige möge doch eine Ausnahme erteilt werden, um in den Nebengottesdiensten holländisch zu predigen.
Petrus Georg Bartels (1832 – 1907) war der Sohn eines Schneidermeisters. Nach dem Abitur studierte er Theologie an der Universität Göttingen, war Pastor in Mitling-Mark, Pilsum und Emden. 1866 wurde er von König Georg V. zum Generalsuperintendent ernannt. Er komme dem Wunsch des Pastoren Houtrouw zur Begutachtung der Eingabe gerne nach, „da mir die Insulaner seit 20 Jahren näher und etwas zu 2/3 persönlich bekannt sind“.
Die Sachlage sei richtig geschildert, denn die Beziehungen der Inselbevölkerung zu Holland sind so vielfach und so intensiv wie in keiner Gemeinde der Provinz. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts habe der preußische Einfluss dem Hochdeutschen mehr Raum geschaffen, auch in abgelegenen streng reformierten Gemeinden wie Pilsum, wo deutsche Schulbücher im Gebrauch und deutsche Lieder bekannt seien. Aus den Borkumer Visitationen habe sich aber ergeben, dass in der Schule kein Hochdeutsch getrieben werden „wegen Widerwillens der Insulaner gegen dasselbe“. Seit 1816 bestehen Gesetze: für Borkum so gut wie für die übrigen Gemeinden. Er – Bartels – wisse, dass man in den 1840er Jahren auf der Insel schon ziemlich allgemein deutsch lesen konnte, aber das Verständnis hatte nicht viel mehr zu bedeuten als etwa im Groningerland. Hier sei Geduld und „Nachhülfe“ für viele am Platz und so wie Pastor Houtouw sich die Sache gedacht habe mit holländischen Nachmittagsgottesdiensten zur Winterzeit sei „wirklich das Ding am rechten Ende angefasst zu sein“.
Das königliche Konsistorium genehmigte die Empfehlung für die nächsten zwei Jahre mit der ausdrücklichen Bemerkung, „dass diese Frist zum Gebrauch der holländischen Sprache als letzte anzusehen ist!“.

Quellen:
Niedersächsisches Landesarchiv – Aurich; Rep. 138II, Nr. 17
Dr. Marron C. Fort; Die Tradition des Niederländischen in Ostfrieslands
Woldemar Beeneken; Unse Karke
Johannes-a-Lasco-Bilbliothek, Emden
Ostfriesische Landschaft Aurich, Bibliothek

Aus vergilbten Blättern

Von den Anfängen des Badebetriebes auf der Nordseeinsel Borkum

Dr. Heinrich Buurman, Apotheker im Ruhestand aus dem ostfriesischen Leer (nachdem er das renommierte Geschäft seinem Sohn übergeben hatte) ist ein begeisterter Zeitungsleser. Er beschränkt sich allerdings nicht nur auf die neuesten Nachrichten und das Tagesgeschehen, sondern stöbert mit großem Interesse in alten Gazetten und Magazinen, überwiegend aus dem Norden Deutschlands. Dabei sind die alten Orts- und Tageszeitungen für ihn äußerst ergiebig, denn dort er findet er Anzeigen und Lokalberichte, die er für seine schriftstellerische Arbeit braucht.

So recherchierte er für seine umfangreiche Familienchronik, suchte und fand Unterlagen über die Jagd in Ostfriesland, promovierte mit einer präzisen Ausarbeitung über die alten Apotheken in ostfriesischen Städten und auf den Inseln, erzählte, wie die Radfahrer nach Ostfriesland kamen
und berichtete ebenso spannend wie lesenswert über die früheren Zahnärzte und „Zahnartisten“. Die Fülle seiner Veröffentlichungen ist enorm und der Leser spürt die Leidenschaft eines versierten Historikers.

Dr. Heinrich Buurman ist mit seiner Familie ein langjähriger Gast der Insel Borkum und seit Jahren pflegt er einen engen Kontakt zum Heimatverein. Bei seinem letzten Besuch brachte er einige Fundstücke mit, die er in ostfriesischen Presseorganen fand und gerne dem vereinseigenen Archiv übergab. So lobte ein Berichterstatter am 21. Juli 1864, dass das hiesige Seebad mit dem bedeutend verlängerten Steinweg durch das Dorf, mit dem man jetzt die beliebtesten Teile ganz bequem durchschreiten könnte, wieder einige Fortschritte gemacht hätte. Am Strande stünden jetzt acht gut eingerichtete Badekutschen und ein Dutzend Rollzelte für die Damen, während am Herrenstrande drei Zelte zum Aus- und Ankleiden hergerichtet sind. Der Bakker’sche Gasthof sei um mehr als die Hälfte vergrößert und teilweise ganz neu eingerichtet „so dass solcher jetzt sehr gut imstande ist nicht zu übertriebenen Ansprüchen zu genügen und zwar umso mehr, dass der recht gute und billige Tisch dem insularen Appetit recht wacker entgegen kommt, aber verschiedene Häuser sind besser eingerichtet und mit zweckdienlicheren Möbeln versehen.“

Das eigentliche Gespräch „hieselbst“ sei aber die Erschießung eines Pferdes auf dem Ostland. Der Schreiber wettert, „dass es auch in diesem Jahr wieder ein gewaltiges Heer von Jäger gibt, die jedem Vogel und jedem Kaninchen, welches ihr Blei erreichen kann, nachstellen“. Die eigentlichen Jäger, die mit Umsicht und Sorgfalt verfahren, habe man nicht zu fürchten, wohl aber die Sonntagsjäger. „Diese machen die Dünen oft so unsicher, dass man sich freuen kann, wenn man den Schrot nur an sich vorbei pfeifen hört und nicht selbst als Wild behandelt wird. Die beiden jungen Leute, die das Pferd auf dem Ostland erschossen, haben dem Eigentümer ihre Jagdlust mit acht Louisdor bezahlen müssen. Der Herr Papa mag ein wenig lustiges Gesicht dazu gemacht haben.“

Volkszählung im Jahre 1864: männliche Einwohner 233 (vorjährig 224), weiblich 279 (266), Summa 512 (490). Zahl der Wohnhäuser 103 (98). Reformierte 473, Lutheraner 37, Katholiken 2. Die Viehzählung brachte 58 Pferde (49), Rindvieh 278 (268). Die Zahl der Schafe verringerte sich von 328 auf 177, weil die alte Herde abgeschafft und durch neue von Holland importierte Schafe ersetzt wurden. Es wird vom Gastwirt Köhler „projektiert“ im nächsten Sommer einen Pavillon auf der Königsdüne zu errichten sowie ein Restaurationszelt in den Außendünen des Herren-Badestrandes. Verschiedene Fuhrleute haben sich verpflichtet bei Regenwetter bedeckte Wagen zur Abholung der ankommenden Gäste bereit zu stellen.

Am 29. Juli des gleichen Jahres berichtet ein namentlich nicht genannter Schreiber, dass die diesjährige Saison wohl als mittelmäßig eingestuft werden könnte. Er habe nicht viel Neues mitzuteilen: „ Das Leben ist hier still und gemütlich, ohne viel besondere Ereignisse“. Aber seit einigen Tagen ist ein Emder Musikdirektor da und bringt mit seiner Gesellschaft Leben in die Sache. Zum ersten Mal seit Bestehen des Bades sei den Badegästen eine ansprechende Morgenmusik angeboten worden und habe viel Anklang gefunden.

Am 25. September 1865 ist unter der knappen Überschrift „Borkum“ zu lesen:“ Gestern entführte uns das letzte diesjährige Dampfschiff den Rest unserer Badegäste, die wenigen zurückgebliebenen verfolgen mehr wissenschaftliche als gesundheitliche Zwecke. Es sind wenigstens lt. Badeliste 1.300 bis 1.400 Personen hier gewesen sind. Der Wohnungsmangel hat sich wiederholt herausgestellt, und man wird sich bestreben, solchem abzuhelfen. Das Projekt, einen Steinweg durch die Wiese zu legen, wird hoffentlich zum Nutzen des Dorfes realisiert werden. Dadurch werden die entfernter liegenden Wohnungen mehr mit dem Mittelpunkt des Dorfes verbunden werden. Hoffentlich hat die Badekasse soviel Überschuss, dass einige Kutschen für den Herrenstrand angeschafft werden können. Borkum scheint einer guten Zukunft entgegen zu gehen, aber die Insulaner müssen mehr tun. Vielleicht kommt ihnen diese Erkenntnis über Nacht, resp. während des Winters. Hoffen wir das Beste.“

Dr. Heinrich Buurman brachte zusätzlich noch einige Besonderheiten mit, wie den Bericht über eine Treibjagd auf dem Ostland im Dezember 1904 oder ein Leserbrief aus der Rhein-Ems-Zeitung über die Beschwernisse der winterlichen Reise nach Borkum oder ein Eingesandt eines Urlaubers aus dem Westerwald über die unnötigen Fremdwörter an den Gasthöfen:“ Da kann man Dejeuner, Diners und Soupers haben, obwohl ein Frühstück, Mittags- oder Abendessen ebenso gut schmecken würde.“

Unter der Überschrift „Gekränkte Seemannsehre“ wird von einem alten Borkumer Schiffer K. berichtet, der im Gespräch mit zwei neugierigen Badegästen auf der Buhne steht. („De Vertellsel“ ist unter den älteren Insulanern bestens bekannt und wird Klaas Bekaan zugeschrieben, besser bekannt als „Klaas-Maat“.) Ein nach See fahrender großer Dampfer veranlasst den Kurgast zu der Frage: Wie heißt der Dampfer und wo fährt er hin? Klaas antwortet: Dat weit ik neit. Mag wall na Buenos Aires fahren. Der andere Gast („ein Wiesnöse“) weiß es besser und erklärt, dass die Sache doch sehr einfach sei. Die Wasserstraßen sind, wie die Landstraßen durch Meilensteine, hier durch Seetonnen bezeichnet. Soll das Schiff zur Ostsee, nach Norwegen oder nach England oder einem anderen Hafen, so fährt es einfach den bezeichneten Tonnenweg entlang. Klaaas hört sich offenem Mund diese Erklärung an und dreht sich dann entrüstet zu dem Sprecher um:“ Bist du fragt off ik?. Magst wall mit de Penne umgahn könen, man van de Seejfahrt versteihst du gein Blixem. Gah man disse Mielensteinen na, dej hier in’t Water liggen, dann sallt du wall mit de Pans vull Water in de Heemel ankoomen!“

Friedrich von Bodelschwingh…

…und ein Kriminalfall bei seinem Urlaub auf der Insel Borkum

Vor einiger Zeit fanden die ehrenamtlichen Helfer im Dokumenten- und Fotoarchiv des Heimatvereins bei der Aufarbeitung und Neueinsortierung ein handschriftliches Blatt mit der gut lesbaren Überschrift „ von Bodelschwingh auf Borkum 1876“; der Rest war in Sütterlin geschrieben und etwas schwer zu entziffern. Pastor Carsten Wittwer von der evangelisch-reformierten Inselgemeinde half weiter und verwies auf ein Buch, geschrieben von dem Sohn Gustav von Bodelschwingh, der damit das komplexe Lebensbild seines Vaters zeichnete. In welchem Haus von Bodelschwingh damals auf Borkum gewohnt hat, konnte (noch) nicht ermittelt werden, aber was er auf der Insel erlebte und wie seine Einstellung zu den „Badeurlaubern“ war, ist ausführlich festgehalten.
Am 6. März 1831 wurde Friedrich von Bodelschwingh als sechstes Kind des preußischen Ministers Ernst von Bodelschwingh und dessen Frau Charlotte in Tecklenburg geboren. Die Familie entstammte einem alten westfälischen Adelsgeschlecht. Im Kindesalter war er Spielgefährte des preußischen Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich III. Er erhielt eine landwirtschaftliche Ausbildung und war danach Gutsverwalter in Gramenz/Pommern, heute Polen.
Die Konfrontation mit dem Elend der Landarbeiter beschäftigte Bodelschwingh sehr stark. Er begann sein Studium der Theologie in Basel, später in Erlangen und Berlin. Sechs Jahre wirkte er in Paris, zunächst als Hilfsprediger, dann als Pfarrer. Im April 1861 heiratete er seine Kusine Ida. In den folgenden Jahren wurden die Kinder Ernst, Elisabeth, Friedrich und Karl geboren. 1864 kehrte die Familie nach Deutschland zurück und Bodelschwingh übernahm eine Pfarrstelle in Dellwig, Kreis Unna. Im Januar 1869 ein schwerer Schicksalsschlag: die vier Kinder starben binnen vierzehn Tagen an Diphtherie. In den folgenden Jahren erblickten die Kinder Wilhelm, Gustav, Frieda und Friedrich das Licht der Welt. Zu Beginn des Jahres 1872 wurde Friedrich von Bodelschwingh engagierter Leiter der „Rheinisch-westfälischen Anstalt für Epileptische“ bei Bielefeld, die wenig später unter dem Namen „Bethel“ (hebräisch: Haus Gottes) berühmt werden sollte.
Es entstand eine kirchlich und kommunal selbstständige Siedlung mit über 4.000 Kranken und Gesunden, die wie in einer großen Familie zusammenleben und gemeinsam arbeiten. Die „Stadt der Barmherzigkeit“ besaß eigene Handwerksbetriebe, Mitarbeiterwohnhäuser, kommunale Einrichtungen, kirchliche Versammlungsräume, Schulen und Ausbildungsstätten für angehende Pastoren. Am 2. April 1910 starb Friedrich von Bodelschwingh in Bethel. Sein Sohn Friedrich führte das Lebenswerk seines Vaters als Leiter der Bodelschwinghschen Anstalten weiter. Auch heute noch steht die fachliche Hilfe für kranke und behinderte sowie sozial benachteiligte Menschen im Mittelpunkt der Stiftungen.

Der Sohn Gustav erinnerte sich:
„Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwäche des Halses und der Brust, die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, daß er mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten Gäste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders glückliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzählten.
Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dünen die Leiche eines jungen Mannes mit zertrümmertem Schädel gefunden und nicht weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat ausgeführt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn noch am Abend vorher bis spät in die Nacht hinein mit einem andern Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum anders sein, als daß dieser andere der Mörder war. Sofort wurden alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen könnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen bei der Suche nach dem Täter. Bald war denn auch der mutmaßliche Mörder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner Wohnung die Geldbörse des Ermordeten fand und bis die am Strand und in den Dünen gefundenen Fußspuren zeigten, daß sie genau mit dem Maß seiner Stiefel übereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Während des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzählt, daß er der Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trüge und daß er auch jetzt seine ganze Barschaft in der Höhe von 80 Mark in der Tasche habe. Das hatte den Mörder gereizt. Er lockte sein Opfer an den Meeresstrand, ergriff dort einen großen Holzhammer, der den Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflöcke zur Herstellung eines Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht zum Strand herüberleuchtete. Der Mörder aber war ihm mit langen Sätzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der kürzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den tödlichen Streich versetzt. Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese Geschichte erzählte er immer wieder.“

Bodelschwingh kam nie wieder nach Borkum zurück, sondern besuchte dann die Nachbarinsel Norderney. Nach dem zweiten Aufenthalt erklärte er: ich gehe auch dahin nie wieder! Er habe gesehen,wie die „eingeborene“ Bevölkerung durch die Badegäste ihres Sonntags beraubt wurden. Es sei ihm fast unerträglich gewesen, in der Kirche zu sitzen und die von den „Ortseingesessenen“ verlassenen Bänke zu sehen. Mit den Kindern suchte die Familie dann die ostfriesischen Inseln Langeoog und Wangerooge auf. „In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie nur konnten, um Badegästen und Eingesessenen mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie standen Sonntags früher auf als alltags und machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit wir das gleiche täten und so das Frühstück nicht so lang in den Sonntag hineingezogen würde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag, um dem Badewärter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang er darauf, daß Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern gegessen wurde, damit den Mädchen die Arbeit des Spülens erleichtert würde. So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum herübertönte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nämlich von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach Amrum zu kommen und zu helfen, daß die Insel gegen die drohende Welle des modernen Badelebens geschützt würde.“

Jan Schneeberg

Auf den Spuren der Ahnen

Der Hobby-Genealoge Hans-Wilhelm Lolling übergab seine Ausarbeitungen dem Heimatverein der Insel Borkum

Ahnenforschung ist auf Dauer die mehr oder minder beharrliche Suche nach den Vorfahren, ihren Namen, nach allen vorhandenen Daten, ihrem Wirken und Dasein, ihren Lebensorten. Soll genealogische Forschungsarbeit ernst genommen werden, dann müssen zwei wichtige Vokabeln beachtet werden: Sorgfalt und Ausdauer“, sagt der in Dortmund beheimatete Dipl.-Ing. Hans Wilhelm Lolling.

Auf_den_Spuren_der_AhnenEr ist kein ausgebildeter Genealoge, sondern kam durch einen zufälligen Augenblick zur Familienforschung. Es begann 1971 mit dem Besuch des Heimatmuseums auf der Insel Borkum. Im dem damals noch kleinen „Walfangzimmer“ fand er zu seiner großen Überraschung auf einer altertümlichen Bildtafel mit einem original Rahmen aus dem 18. Jahrhundert mehrmals seinen Familiennamen in Verbindung mit Kommandeuren, die auf den Walfangschiffen für niederländische und hamburgische Reeder fuhren.

Sein Interesse war geweckt, aber bis 1982 waren Nachforschungen berufsbedingt nicht möglich. Dann brachten seine Frau und seine Tochter von einem gemeinsamen Urlaub das Buch „Aus Borkums Vergangenheit“ des langjährigen Museumsleiter

Hans Teerling mit und hier stieß Hans Wilhelm Lolling auf den Inselpastor Gerhardus Lolling, der von 1648 bis 1678 Seelsorger der evangelisch-reformierten Gemeinde war. Wer war dieser „Domine“? Wo waren seine Wurzeln? Wie und wo bekam er seine Ausbildung? Wo blieben seine Kinder? Gibt es noch Nachkommen? Oder vielleicht sogar noch Unterlagen und Dokumente? Das Interesse an das Leben der Vorfahren erwachte und wurde zu einer Leidenschaft.

Nach ausführlichen Gesprächen mit der damaligen Kassiererin im Museum Christa Burkart, sowie den versierten Kennern der Inselgeschichte Hans Teerling und Hidde Meyer-Gerhards und nach der intensiven Suche im früheren Archiv, dem sogenannten „Dr. Linke Kamer up de Böhn in’t Dykhus“ , fand er zusätzliche Informationen im Staatsarchiv Aurich, in den örtlichen Stellen in Leer, in der Krummhörn, im Rheiderland, im nördlichen Westfalen, besonders aber in der Provinz Friesland in den Niederlanden ebenso wie in Groningen, in Amsterdam und Rotterdam.

Der Werdegang von Pastor Gerhardus Lolling wurde recherchiert und das Leben in der Zeit auf Borkum aufgezeichnet. Über seine Herkunft und seine Jugend war wenig bekannt. Seine Kinder verließen die Insel recht früh, Sohn Dirk war auf Borkum verheiratet. Zitat des Inselchronisten Dr. Hans Linke:“ Das Geschlecht der Lollings hat auf der Insel seinen Namen vergessen. Auf dem Festland ist der Name noch vorhanden und viele Träger zeichnen sich durch große Gelehrsamkeit aus“. So ist zum Beispiel in Fachkreisen der Archäologe Dr. Habbo Lolling, der in Griechenland tätig war, sehr bekannt. In einem Nachruf der ‚Berliner Philogischen Wochenschrift‘ heißt es: „ Mit ihm verliert die deutsche Wissenschaft aus der jüngeren Generation unbestritten den tüchtigsten Kenner hellenischer Landeskunde, zugleich einen der kundigsten Epigraphiker“.

Wo lag der Ursprung der Lollings? In Westfalen, in Friesland oder Ostfriesland? Führt eine Aktennotiz über eine Gerichtsverhandlung vor einem niederländischen Zivilgericht weiter, als hier ein gewisser Gerhardus Lolling am 18. Mai 1639 in seinem Haus den Gerichtsdiener mit einem Beil „zu Leibe ging“, aber von seiner Frau festgehalten wurde und der „hartbärtige“ Sohn, angetrieben vom Vater, mit einer Bullpeitsche auf den Gerichtsdiener losging und ihn schlug? Vater Lolling erschien wütend vor Gericht und ist dann freiwillig weggegangen – „begab sich in den großen Walfisch von Gott, der ihn irgendwo in ein anderes Land auswarf, um mit Jonas in ein Ninive zu gehen und dort das Evangelium zu predigen“. Bei dem Borkumer Pastoren Gerhardus Lolling steht in den Annalen: „ Da er ein sehr temperamentvoller Herr zu sein scheint, äußerte seine Meinung nicht nur in heftigen Worten, sondern auch in unüberlegten Taten.“ Dem steht entgegen, dass er bei seinem Dienstantritt sehr gute Leumundszeugnisse vorweisen konnte. Sein Gehalt war sehr bescheiden,

aber er soll „ein guter Bauer“ gewesen sein. Das hat ein Amtsbruder gesagt.

Aber die religiösen und dienstlichen Gegensätze zwischen Pastor Lolling und dem Vogt Nicolaus Sleevogt, der lutherisch war, wurden durch persönliche Differenzen noch vergrößert. 1663 schenkte ein unverheiratetes Mädchen einem Knaben das Leben. Sie wollte das Kind auf den Namen des Vaters taufen lassen und das war einer der Söhne des Vogtes. Der wiederum drohte, er werde den Pastoren erschießen, wenn er das täte. Lolling hat tatsächlich von der Namensnennung bei der Taufe Abstand genommen, sich aber beim Konsistorium beschwert und dort blieben die Akten erhalten. Pastor Lolling verschied 1678. Im gleichen Jahr starb auch der Vogt Sleevogt und die erbitterten Rivalen wurden beide auf dem Friedhof neben der kleinen Kirche am Alten Turm beerdigt.

Bei den Nachforschungen gibt es nicht nur die nüchternen Jahreszahlen, sondern dahinter stehen immer die Schicksale der einzelnen Menschen. Hier nur ein kleines Beispiel: Die Fahrten ins Eismeer waren voller Gefahren. Wind und Sturm trachteten den Seeleuten nach dem Leben, sie starben durch Krankheit oder Skorbut, verloren durch Eispressung ihr Schiff und nicht selten wurden die Männer, Jünglinge oder mitfahrende Kinder verletzt oder verstümmelt. So verlor Dirk Fokken Lolling als junger Mann um 1727 auf einem Walfangschiff mit 22 Jahren ein Bein, kam aber zur Insel zurück. Er wurde 62 Jahre alt und war vierzig Jahre Vorsänger bei den Gottes-

diensten in der kleinen Kirche am Turm.

Der nach seiner Pensionierung begeisterte Ahnenforscher Hans Wilhelm Lolling kommt dann jedes Jahr mit seiner Frau nach Borkum und wohnt stets „ gut und glücklich“ in der Gartenstraße bei Frau Annalouise Lammers. Bei seinen Nachforschungen muss er sich nicht nur mit der verschiedenen Schreibweise seines Familiennamens in den alten Schriftstücken auseinander setzen, auch die geschichtlichen und religiösen Zusammenhänge in der damaligen Zeit wollten erarbeitet werden. Natürlich lernte er bei seinen Studien und Anfragen viele Leute kennen und schätzen und er fand unzählige Menschen mit dem Namen Lolling, mit denen er heute noch in Kontakt steht. In Ostfriesland und den Niederlanden kann er seine Vorfahren bis 1600 zurück verfolgen, im Tecklenburger Land – im nördlichen Westfalen – sogar bis 1400.

Neffe Andreas entdeckte in der Bibliothek der Mormonen in Salt Lake City den Namen Lolling und ebenso bei den Baptisten in Illinois. Für Hans Wilhelm Lolling der gegebene Anlass ein neues Kapitel aufzuschlagen: Die Lollings in den Vereinigten Staaten von Amerika. Von seiner Reise in die USA 1998 schreibt er einen 22seitigen Reisebericht, zwei Fotoalben dokumentieren den Trip und die weit verzweigte Verwandtschaft wird auf 27 Seiten dokumentiert und festgehalten.

Hans Wilhelm Lolling hat seine Wurzeln in Ostfriesland. Der Großvater Gerhardus Freerks kam von Visquard über Leer nach Emden, war Kaufmann und Bürgervorsteher, zwei silberne Verdienstmedailllen der Stadt Emden sind noch in Familienbesitz. Der 1878 geboreneVater Johann Gerhard Friedrich, gelernter Kaufmann und später Steuerberater, erkannte die Zeichen der Zeit und kam schon vor 1910 über Göttingen und Hamm in Westfalen nach Dortmund. Hans Wilhelm, 1927 geboren, begann 1951 das Studium in Essen, ab Mitte 1954 war er sieben Jahre im Ing.-Büro für Baustatik , danach acht Jahre bei einem Prüfingenieur für Baustatik tätig und danach folgten 25 Jahre beim Prüfamt in Dortmund. Die Berufe seiner Vorfahren gehen von den Pastoren über die Lehrer, Schiffer, Seeleute, Kapitäne, Kaufleute, Ingenieure und Techniker. Der Vorname Gerhard geht durch alle Generationen bis zum Bruder.

Nach dem Tod seiner Frau kam Hans Wilhelm Lolling nur noch einmal zur Insel zurück. Zu viele Erinnerungen haben ihn nach mehr als 25 Jahren gemeinsamer Urlaubstage abgehalten. Aber er schwärmt noch immer von Borkum: über seinem Bett habe die Tochter ihm ein Poster angebracht und wenn er morgens aufwacht sieht er den herrlichen weißen Inselstrand mit den hohen Dünen.

Und noch immer hält er telefonischen und brieflichen Kontakt und bei einem Gespräch bot er an, seine Unterlagen – nach Absprache mit seinen Kindern – dem Heimatverein der Insel Borkum zu überlassen, einschließlich der umfangreichen

Literatur mit dem Hintergrundwissen zur Zeitgeschichte. Lieber Herr Lolling, wir können nur vielen, vielen Dank sagen und versprechen die Chronik gut zu verwahren.

Ironie oder Fügung der Geschichte: Pastor Lolling wohnte im Borkumer Pfarrhaus, nördlich der kleinen Inselkirche gelegen. Fast 150 Jahre später wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit aufgegeben und das Grundstück an die staatliche Behörde zur Unterhaltung des Leuchtturmes verkauft. 1984 erwarb der Heimatverein das Haus mit den Dienstwohnungen der Leuchtfeuerwärter und vor geraumer Zeit wurde dort das

im Laufe der Jahre stetig angewachsene Dokumenten- und Bildarchiv des Vereins untergebracht. Und so kehrt „de Domine“ durch die umfangreiche Familienchronik von Hans Wilhelm Lolling an die Stätte seines Wirkens zurück.

Als Leitspruch für seine Fleißarbeit hat er sich einige Zeilen aus dem „Haus- und Ahnenbuch“ von Ludwig Finckh ausgesucht:

Weißt du, Menschenkind, wer du bist?

Wer du warst vor grauen Zeiten

und wer du sein wirst?

Von wo du gekommen bist und wohin du gehst?

Was hat es für einen Sinn, das zu wissen?

Es hat den Sinn, dass du nicht in den blauen Tag hineinlebst wie bisher,

vom Ursprung bis zum Ende,

sondern einmal stille stehst und vor und zurück blickst über deinen Weg.

Lustfahrten Anno dazumal

Postkarten und Fotos erzählen von alten Zeiten

Pünktlich zu den Osterfeiertagen und zu Beginn der Ferienzeit wurde der ehemalige „Lustkutter Aegir“ in der Wiese „bi dat Toornhuus“ von der schützenden Winterplane befreit. Der „Alte Turm“, Wahrzeichen der Insel Borkum, ist mit dem ehemaligen historischen Friedhof und dem in der kleinen Zufahrtsstraße eingelassenen Wappen ein Hauptanziehungspunkt für die Touristen.

Im Heimatmuseum „Dykhus“ gaben langjährige Gäste zwei Originalfotos ab, die in das Jahr 1905 datiert werden können und das damalige Badeleben mit den vielbesuchten Ausflugsfahrten zeigen. Der Heimatverein der Insel Borkum freut sich über die Geschenke, die eine wertvolle Bereicherung zur Aufarbeitung der Geschichte des Eilandes sind und sagt ein herzliches Dankeschön.

Passend zu den „Lustfahrten in See“ fand sich im Archiv eine Polizeiverordnung aus dem Jahre 1907, die besagt, dass auch diese Schiffe und Boote nur mit Erlaubnis der Ortspolizei-Behörde benutzt werden dürfen. Die Anträge sind vor dem 15. Mai zu stellen und enden am 15. Oktober. Der Erlaubnisschein mit den Namen des Schiffseigentümers und des Schiffsführers mit der Besatzung

zeigt auch an, welchen räumlichen Bezirk das Schiff zu Lustfahrten benutzten darf und wie viele Fahrgäste für die verschiedenen Fahrten erlaubt sind.

Auch die Anlegestellen waren vorgeschrieben und erklärend dazu § 8: Die Reihenfolge des Anlegens bestimmt bei Streitigkeiten die Ortspolizei-Behörde. Unter § 10 ist zu lesen: Die Schiffsbemannung muß zum Dienst stets nüchtern, rein, in sauberen und nicht zerrissenen Kleidern erscheinen und sich dem Publikum gegenüber stets höflich und zuvorkommend benehmen.

In Übereinstimmung mit dem Gemeindevorstand sind folgende Taxen festgelegt: bei Fahrten am Strande 3 Mark und 60 Pfennig oder 60 Pfennig pro Person. Bei Fahrten nach Rottum wird 2,50 Mark verlangt, die Fahrt nach Delfzyl kostet 3,50 Mark und ein Ausflug nach Juist 4 Mark. „Die vorstehenden Preise gelten nur für die Zeit von 4 Uhr morgens bis 10 Uhr abends“. Auch die Aufnahme weiterer Fahrgäste und die Nichtinanspruchnahme eines Ausfluges ist genau geregelt. Der letzte Absatz sagt unmissverständlich: Übertretungen dieser Polizeiverordnung werden mit Geldstrafe bis zu 30 Mark, an deren Stelle im Unvermögensfalle entsprechende Haftstrafe tritt, bestraft.