Zu den Walstrandungen an der deutschen Küste:

Wal up Strand

von Jan Schneeberg
Es war ein schöner alter Brauch auf der Nordseeinsel Borkum sich in der Abenddämmerung mit der Familie und den Nachbarn zu einem „Avendprootje“ zu treffen. „De Mannlü mit Piepke in de Brand“ saßen an der offenen Feuerstelle, „de Froulü“ mit dem Strickzeug am Tisch, „dat Kindergaudje“ spielte auf dem Fußboden. Die Männer erzählten von ihren Schiffsreisen und dabei wurde viel Seemannsgarn gesponnen. Aber man berichtete nicht nur von fernen Ländern, auch auf der Heimatinsel hatten sich etliche interessante Ereignisse zugetragen.

So sei vor vielen Jahren ein riesiger Wal an den Borkumer Strand angetrieben, so groß, dass man nicht nur den ganzen Winter von dem Speck habe leben können. Ein Bauer belud seinen Ackerwagen mit einem Fuder Heu, fuhr damit durch das riesige Maul und „up de Achtersiet“ wieder hinaus. „Dat Höij“ wurde durch den Tran und den Speck so durchtränkt, „dat de Fauermann“ immer genügend Brennmaterial in der kalten Jahreszeit hatte, um das Feuer „in de Köken s’mörgens“ anzuzünden. „Dat bin gein Lögens, dat is wiss wahr“, behauptete der Erzähler.

Aber es gibt auch amtliche Dokumente, die sich mit der Strandung von Walen auf Borkum beschäftigen. Der Staatsarchivar Karl Herquet (1832 – 1888) lebte acht Jahre in Aurich und hatte dort wohl genügend Zeit, sich mit den vorhandenen Unterlagen im Archiv zu beschäftigen. Er veröffentlichte zwei Jahre vor seinem Tod das Ergebnis seiner Recherchen in dem Buch „ Die Insel Borkum in kulturgeschichtlicher Hinsicht“, ein interessantes Werk, das noch vor vielen Jahren in fast jedem Haushalt auf dem Eilande zu finden war.

„Im Februar 1762 strandete auf dem Hohen Hörn ein etwa 50 Fuß langer Cachelot (Pottwal), der schon lange tot sein musste, weil er sehr stark roch und auch wohl auf einer Sandbank gelegen hatte, da an der einen Seite der Speck bereits heruntergehauen war. Der Vogt Akkermann ließ zur Bergung durch Glockenschlag aufrufen, worauf auch einige Wagen hinausfuhren, aber die Insulaner erhoben einen furchtbaren Lärm und zwangen diese Wagen wieder nach Hause zu fahren. Bei einer im vorhergehenden Jahre geschehenen Strandung hatte man ihnen nämlich nicht das ihnen zustehende volle Drittel (Anm: Bergelohn) zukommen lassen, worüber sie sich bitter beschwerten. Man überließ schließlich den Fisch, der leicht wieder durch die Flut abgebracht werden konnte, den Insulanern zu freien Verfügung“.

In einer Fußnote fügt Karl Herquet hinzu: „Auch im November 1848 trieb ein toter Wal von etwa 60 Fuß Länge an der Insel an. Die untere Kinnlade war 14½ Fuß lang. Die Insulaner kochten den Speck zu Tran aus“.

Vielen Insulanern wird noch die dramatische Aktion zur Bergung eines am Südstrand liegenden Schwertwales im Juni 1967 in Erinnerung sein. Die dazu gehörenden Bilder und Presseberichte sind im hiesigen Heimatmuseum zu finden, wo seit vielen Jahren das ausgestellte Skelett eines Pottwales eine besondere Attraktion ist. „Dat Dykhus“ in der Nähe des Alten Turmes ist samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.