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Borkumer Pflanzen (BZ, 05.02.2016)

Sonderausstellung im Heimatmuseum

von Jan Schneeberg

Der „Hilfsbeamte“ des Königlichen Landrats des Landkreises Emden, Bannier,
gibt in einer Anzeige der Borkumer Badezeitung am 3. Juni 1914 bekannt:
„Ich nehme Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß es nach der Polizei-Verordnung des Herrn Regierungspräsidenten vom 10. Februar 1909 verboten ist, unbefugter Weise die auf den Inseln der Nordsee wachsenden Dünenpflanzen Pirola (Pirola rutundi folia) und Stranddisteln (Eryngium maritium) auszureißen, ganz oder teilweise abzuschneiden oder abzupflücken.
Die Verordnung bezweckt die Erhaltung der in steter Abnahme begriffenen seltenen Pflanzen. Die Stranddistel ist auf hiesiger Insel leider bereits nahzu ganz ausgestorben.“

Engagierte Mitglieder des Heimatvereins der Insel Borkum haben in mühevoller Kleinarbeit Material – historische Bilder, Originaldokumente und umfangreiche Berichte – über die Flora des Eilandes zusammengetragen und präsentieren sie in einer sehenswerten Ausstellung „in de Bönkamer“ des Inselmuseums. „Dat Dykhus“ ist samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Die Pflanzenwelt der Insel Borkum (BZ, 29.12.2015)

Ausstellung „in de Bönkamer van’t Heimatmuseum“ geht in die Endphase

von Jan Schneeberg

Wer jemals in südlichen Meeren eine vom saftigen Grün bedeckte Insel aus den Fluten hat auftauchen sehen, sollte beim Anblick unserer flachen einförmigen Nordseeinseln meinen, eine öde, vegetationslose Scholle Landes vor sich zu sehen. (…) Auch mit unserem Borkum ist dies der Fall. Hat man aber erst die Dünen betreten, so schwindet diese Täuschung. (…) Während die kleineren Insel unserer Nordseeküste, mehr oder weniger einem großen Sandhügel gleichen (…) finden sich auf Borkum die verschiedensten Bodenarten vertreten und infolge dessen auch eine ungeahnte Menge der verschiedensten Pflanzen.“ schreibt der Lehrer C. F. Scherz in seinem Buch „Die Nordseeinsel Borkum“, in mehrfach verbesserter Auflage erschienen 1883 im Verlag Haynel, Emden und Borkum.

Durch Schenkungen und Ankäufe sind fast alle Bücher, die sich mit der Geschichte unserer Heimatinsel beschäftigen, im umfangreichen Archiv des Heimatvereins erhalten, das sich im sogenannten „Toornhuus in de Karkstrate“ befindet. Auf dem großräumigen Dachboden lagerte seit vielen Jahren ein, fast schon historisches Herbarium, ein Pflanzenbuch, das durch die engagierte Diplom-Biologin Claudia Thorenmeier als wichtiges, wenn auch ein wenig vergilbtes Dokument eingeordnet wurde. Auch der Name Dreier konnte entziffert werden.

Johannes C. H. Dreier wurde am 10. Juni 1833 geboren. Sein Vater war Prediger an der einsam auf dem Weserdeiche stehenden „Moorlosen Kirche“ bei Mittelsbüren. Es führten zwar Feldwege bis nahe an die Grenze der eigenen Gemarkung, aber trotzdem war kein regelrechter Pfad zwischen hüben und drüben vorhanden. Nur zeitweise wurde der trennende Graben durch einen von Bauern gebauten Steg überbrückt, sonst musste der Springstock (in Ostfriesland: Pullstock oder Padstock) hinüberhelfen.

Unterrichtet wurde der junge Dreier durch Hauslehrer, darunter August Kramer, der seine Leidenschaft für die heimische Pflanzenwelt weckte. Ab 1850 besuchte er die Gelehrtenschule (Gymnasium) in Bremen und auch hier fand er Gleichgesinnte, die sich für die Botanik interessierten , ebenfalls bei seinem Medizinstudium in Heidelberg und Würzburg. Nach dem Doktorexamen im Januar 1857 kehrte Dreier nach Studien in Prag nach Bremen zurück, um eine Stelle als Assistenzarzt am dortigen Krankenhaus anzunehmen. Unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt in Tübingen, wo er sich in der Chirurgie weiter ausbildete, ließ er sich Anfang 1860 als Arzt in Bremen nieder. Hier fand er Kontakt zu Buchenau, der sein Interesse für die heimatliche Flora neu belebte. Es bildete sich ein kleiner Kreis mit wissbegierigen Botanikern, die im Sommer oft sonntägliche Ausflüge machten.

1864 nahm Dreier als freiwilliger Arzt am schleswig-holsteinischen Feldzug teil. Er arbeitete dann am Kinderkrankenhaus, war Polizeiarzt und später Kreisarzt. In ruhigeren Zeiten kehre er regelmäßig zu seinen botanischen Studien zurück. Er beschäftigte sich oft mit dem ordnen und der Instandhaltung seines Herbariums. Ferienreisen führten ihn in den Harz und in die Alpen. Bei längeren Aufenthalten lernte er die Vegetation der Insel Borkum in allen Einzelheiten kennen. „Er hat dort manche bemerkenswerte Funde gemacht“, schrieb W. O. Focke später in einem Nachruf.

Im Sommer 1906 feierte er gemeinsam mit den beiden Jugendfreunden das Fest des 50jährigen Doktorjubiläums, rüstig und in voller Frische, umgeben von seinen Kindern und Enkeln sowie dem großen Freundeskreis. Einige Monate später stellten sich Atembeschwerden und Zeichen einer Herzerkrankung ein. Dr. Johannes Dreier starb am 11. September 1908.

Schriftstellerisch ist er kaum hervorgetreten; in den Heften des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen findet sich ein kleiner Beitrag „Zur Flora von Borkum“. Hier beschreibt er seine Beobachtungen während des vierwöchigen Aufenthaltes im Juli und August 1888. Die Spurensuche führte zu den im Archiv des Heimatvereins aufbewahrten Borkumer Zeitungen, hier zu der „Badezeitung und Fremdenliste“ vom 23. Juli 1888: In der Liste der „angekommenen Badegäste und Fremden“ mit Datum vom 20. Juli 1888 ist zu lesen , dass Dr. med. Johannes Dreier aus Bremen mit seiner Familie bei der Witwe Scherz jr. wohnte. Es ist zu vermuten, dass Dreier der „Gesellschaft der Naturfreunde auf Borkum“ angehörte, die bei ihrer Gründung am 1. August 1878 festlegten „die Kenntnis der Natur, namentlich der Flora und Fauna auf der Insel Borkum (…) zu erweitern und für Beobachtungen auf allen diesen Gebieten geeignetes Material und Einrichtungen zu beschaffen“. Zur Verwirklichung dieser Zielsetzung wurde hauptsächlich die Errichtung einer Naturaliensammlung angestrebt, wo die Tier- und Pflanzenwelt der Insel in guten Exemplaren „gehörig präpariert, wissenschaftlich geordnet, verzeichnet und beschrieben aufbewahrt und dem Publicum zugänglich gemacht werde.“ Vielleicht hat Dr. Johannes Dreier sein Herbarium der Gesellschaft der Naturfreunde, die bis ungefähr 1900 regelmäßig in den Sommermonaten ihre Versammlungen mit der Anwesenheit namhafter Persönlichkeiten abhielten, verkauft oder geschenkt. Einzelne schriftliche Fragmente dieser Vereinigung sind noch im Archiv erhalten und die große Vogelsammlung ging 1921 in den Besitz des neugegründeten Heimatvereins über.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann man mit der floristischen Erforschung der Nordseeinseln und wenige Jahrzehnte später gab es umfangreiche Daten und Artenlisten. Einer der bekanntesten Botaniker war Professor Dr. Franz Buchenau aus Bremen, geboren 1831 in Kassel, verstorben 1906 in Bremen. Er war der Sohn eines Bankangestellten, besuchte eine Realschule und seit 1845 die Polytechnische Schule in Kassel. Ab 1848 studierte er an der Philipps-Universität Marburg und ab 1850 an der Georg-August-Universität in Göttingen. Mit einer botanischen Dissertation erwarb er die Doktorwürde. Er wurde danach kurzfristig Lehrer an einer Privatschule in Hanau und nach der Schließung Hauslehrer und später Lehrer in Friedrichsdorf im heutigen Hochtaunuskreis.

Ich selbst habe zu sehr verschiedenen Jahreszeiten 15 Reisen nach den Inseln gemacht und im Sommer 1880 noch die vier Inseln Borkum, Juist, Norderney und Langeoog besucht, um mein Manuskript zu prüfen und eventuell zu ergänzen. (…) Die meisten Angaben sind bereits durch Belege in dem Centralherbarium der ostfriesischen Inseln vertreten, welches der Naturwissenschaftliche Verein zu Bremen in den hiesigen städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie gegründet hat.“ schreibt Buchenau in seinem Buch „Flora der ostfriesischen Inseln“, erschienen 1891 im Verlag H. Braams, Norden und Norderney. Einzelne wichtige Beobachtungen für Borkum verdanke er dem Grenzaufseher Ahrens sowie den Lehrern Briese und Scherz. Knallhart fügt er hinzu: „ Von den älteren z.t. sehr unzuverlässigen Angaben, namentlich von Bley und Hermann Meyer (Anmerkung: Klassenlehrer in Emden. Er schrieb ein „Handbuch für Reisende und Badegäste“ mit dem Titel „Die Nordseeinsel Borkum“, erschienen 1863) habe ich meist weggelassen; es ist Zeit, unsere Schriften endlich einmal von diesem Ballast zu reinigen.“ Er hoffe aber, dass seine Arbeit dazu beiträgt, das Interesse für diesen kleinen, aber so eigentümlichen Stück deutschen Landes zu erhöhen.